• Heike HL

PhysioSein: Liebe Patienten von Physiotherapie-Praxen, seid kritisch!


PhysioSein: Liebe Patienten von Physiotherapie-Praxen, seid kritisch! Das denke ich gelegentlich, wenn ich die Geschichten und Erfahrungen meiner Patienten auf der einen Seite höre, und die Erfahrung mit Lernenden, Berufsanfängern und Kollegen, aber auch Dozentenkollegen auf der anderen Seite mitbekomme.

Bis Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war es noch so, dass ein fertig ausgebildeter Physiotherapeut (damals Krankengymnast) zwei Jahre arbeiten musste, bis er eine eigene Praxis aufmachen konnte. Heute darf es theoretisch jeder direkt nach seinem Abschluss. Früher war zwar nicht alles besser (außer der Bezahlung :-D), aber es führte dazu, dass man sich als Krankengymnast erst mal ordentlich weitergebildet hat. Es galt, die Zeit zu nutzen ;-)

Meist war man bereits während der zunächst zweijährigen Schulausbildung schon in Kliniken und Krankenhäusern eingesetzt, denn viele Schulen (staatliche) waren an Kliniken und Einrichtungen angeschlossen.

Man hatte ein halbes Jahr reinen Schulunterricht (und damals hatte man vor Lehrenden und in der Ausbildung sehr viel Respekt), im zweiten Semester dann eine Kombination aus Schule und Einsatz am Patienten.

Das Dritte Jahr - nach dem Examen - war zudem ein rein "praktisches Jahr" - es wurde sogar ein Gehalt bezahlt. Die staatliche Anerkennung gab es allerdings auch erst nach dem Dritten Jahr (man musste das beantragen und zudem belegen, dass man nötige Fachbereiche abgeleistet hatte und zudem Praktikantenunterricht von erfahrenen Kollegen bekam).

Ende der Neunziger Jahre wurde die Ausbildung umgestellt, es gibt seitdem viel mehr private Schulen als damals, denn der Bedarf stieg. Die Ausbildung hieß nun Physiotherapie - darunter fallen auch die Kollegen aus der Massageausbildung. Die müssen sich heute allerdings nachqualifizieren, um gezieltere (Physio-)Therapie anbieten zu dürfen (trotzdem gibt es Masseure/Innen, die Therapie über Massagen hinaus anbieten...).

Ja, es hat sich einiges verändert. Heute sind bereits Lernende in ihren klinischen Ausbildungs-bereichen in Praxen eingesetzt, das ist natürlich ein anderes Arbeiten als in einem Krankenhaus, einem Pflegeheim oder einer großen Klinik.

Was immer noch nicht jedem Patienten klar ist - jeder Therapeut erwirbt eine eigene berufliche Qualifikation. Je nach Interessen, Beeinflussung von Dozenten in der Ausbildung / dem Studium, je nach eigener Begeisterungsfähigkeit, Anspruch an die eigene finanzielle Absicherung und der eigenen Haltung/Werteverständnis sind immense Unterschiede zu erkennen (es gibt bereits einen BLOG-Eintrag zum Thema, wie man professionell arbeitende Physio erkennt).

Will ich als Patient wissen, wie die Qualifikation der Praxis, des Therapeuten, der Einrichtung ist, gibt es viele Möglichkeiten der Recherche. Das Internet bietet Kollegen die Möglichkeit, ihre Qualifikation und die Weiterbildungen zu veröffentlichen. Und es lohnt sich in der Tat auch als Patient, mal die ein oder andere "Qualifikation" im Internet nachzulesen. Seriöse Konzepte und Weiterbildungsangebote haben den Mut, transparent und öffentlich zu sein. Das Impressum von Internetseiten hilft zu erkennen, ob bestimmte Interessen dahinter stecken. Das ist nicht immer problematisch, kann aber Dinge erklären.

Nicht immer muss es ein Zertifikat sein, was einen Physio gut macht in Techniken oder Konzepten. Da geht es eher um Abrechnungsmöglichkeiten gegenüber der Krankenkassen - oder um die eigene Darstellung der Physiotherapeuten-Rolle.

Die Größe eines Schildes, die Eleganz einer Internetseite, das Angebot an alternativen Therapieformen, die Menge an Zertifikaten, die Menge an verkäuflichen Produkten (auch "mehr Therapiezeit" - 1 Minute für einen Euro und so etwas), die Angebote an "Maschinen" oder Geräten - das alles sagt nicht zwingend etwas über die Qualifikation des einzelnen Physiotherapeuten aus...

Frag nach! Und prüfe, ob die Antworten plausibel sind.

Über zwanzig Jahre Berufserfahrung, die Tätigkeit in Aus- und Weiterbildung und der persönliche Anspruch an eigenes Behandeln mit Integration von Fort- und Weiterbildungswissen veranlassen mich, Patienten zu ermutigen, kritisch nachzufragen und Qualität statt Quantität zu fordern. Würde ich einen Physiotherapeuten und sein Arbeitsumfeld beurteilen wollen, würde ich mir folgende Fragen stellen:

  • Fühle ich mich als Patient in "meiner Physio-Praxis" gut aufgehoben (Kommunikation, Griffe, Aufklärung/Erklärung, Untersuchung und Befund sowie Dokumentation, Hygiene, usw.)?

  • Macht es bei meinem Problem Sinn, was getan wird? Und woran erkenne ich das?

  • Darf ich Fragen stellen, die GEDULDIG beantwortet werden?

  • Darf ich Kritik äußern und auch mal die eigenen Ängste oder Sorgen in Bezug auf das Problem mitteilen? (Natürlich angemessen! Wie es in den Wald reinschallt... ;-))

...Übrigens: Zu meiner Praxis der Wahl fahre ich als Patientin oneway 40 Minuten und zahle selbst - denn ich weiß: Das ist es mir wert!

Ich habe übrigens eine Internetseite mit einer Liste gefunden: "Die 545 besten Physiotherapeuten in München 2017" - na wenn so viele die Besten sind, dann ist die Auswahl sicher groß genug!?!

Aber Achtung: Bei solchen Seiten das Impressum beachten :-)


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