• Heike HL

DozentSein: Auch mediale Form der Lehre braucht Professionalität - wie geht das?

DozentSein: Auch mediale Form der Lehre braucht Professionalität - wie geht das?

Letztens besuchte ich eine „Veranstaltung“ über eine der aktuell genutzten Online-Videoplattformen. Zur Nutzung bekommt man einen Link, und ist man zugeschaltet, kann man entscheiden, ob man nur zuhört, oder dabei zudem seine Kamera anschaltet. So auch bei dieser fachlichen Informationsveranstaltung. Der Dozent hatte das, was Experten immer haben: Fachkompetenz. Wer denkt, das reicht, liegt falsch. Bis er nämlich zeigen konnte, was er fachlich drauf hatte, vermittelte er bereits (s)einen ersten Eindruck. Nun, für das eigene Aussehen kann niemand etwas - gut, wir Frauen können schon mit ein wenig "Maske" arbeiten ;-) Doch ist es schon wichtig, wie die Kamera das eigene Erscheinen einfängt (wenn man diese überhaupt braucht)...Aber nicht nur das ist der Punkt. Denn viel wichtiger ist es, sich seiner nonverbalen Kommunikation und Wortwahl bewusst zu sein. Ganz abgesehen von dem sichtbaren Hintergrund, den die Kamera eben auch zeigt, wenn man nicht in pathologischer Nähe zur ihr sitzt...


Dieser Dozent also erschien auf der Bildfläche, nachdem ich mich einwählte. Bis ich mich orientierte, wo ich was bei diesem Format ein- und ausschalten konnte, erschienen immer mehr Leute auf der Bildfläche und der Geräuschpegel stieg. Dass man keinen Tinnitus bekam, war natürlich auch dem Lehrenden ein Anliegen und so stellte er die Mikrofone stumm. Doch leider mit dem Kommentar: "Einige von Euch sind ja so laut, das ist ja der Wahnsinn! Ich schalte jetzt mal alle Mikrofone stumm". Als alle Teilnehmenden das waren, sah er wohl, dass einige ihre Kamera ausgeschaltete hatten. Auch das wurde kommentiert: "So ein Format ist ja dafür gedacht, dass man sich sieht" (hä??) - "also wäre es ja schlau, die Kamera anzuschalten. Naja, zwingen kann ich ja keinen" (wieso klang das so enttäuscht?!). Ich schaute mir die Leute an ihren "Arbeitsplätzen" zuhause an und dachte nur, dass es definitiv besser wäre, wenn einige ihre Kameras ausgelassen hätten. Zumal es in diesem "Call" nicht darum ging, sich visuell kennenzulernen, sondern darum, Lerngruppenübergreifend Fragen zu beantworten und relevante Dinge für die Prüfung mitzuteilen. Im etwa zweistündigen Verlauf fielen mir weitere Kommentare auf, die er "einfließen" ließ - beispielsweise, wenn jemand einen Kameraausfall hatte oder dem "Kameraplatz" entschwand. Immer mal wieder war also zu hören."Aha, der .... ist weg" (Gelächter), "Ach, jetzt ist .... wieder da" (Gelächter).

Und zu einer Teilnehmerin sagte er sogar: "Hallo xxyy, (der Name stand auf dem Bildschirm) - Du hast ja einen männlichen Namen, aber Du bis wohl weiblich" (Gelächter) - "was ist Deine Frage?". Was die Kollegin veranlasste, zu erklären, dass dies eben der PC ihres Mannes wäre...

Mir war klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, nämlich: a) meine Kamera auszulassen, und b) keine Fragen zu stellen. Doch auch der Mangel an Fragen wurde vorwurfsvoll kommentiert: "Wie jetzt - über dreißig Leute und keiner fragt was?"


Alles in allem dachte ich - mediale Lehre ohne Softskills ist noch schlimmer, als Präsenzlehre ohne Softskills. Denn medial bekommt das garantiert jeder mit, da Teilnehmer nicht durch ihre Nachbarn in einem Unterrichtsraum abgelenkt sind.


Deswegen hier meine Tipps in Sachen mediale, Videogestützte Kommunikation:

  • Bereite Dich gut vor - wie steigst Du ein in den "Call", gerade wenn Teilnehmer dabei sind, die Dich nicht (gut) kennen? Lege Dir erste Worte gut zurecht, die möglichst freundlich-neutral jeden mit einbeziehen und denke dran: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Bleibe präsent, auch wenn noch nicht alle online sind. Die ersten sehen Dich ja schon.

  • Checke Deine Umgebung, wenn Du die Kamera an hast. Vom Lichteinfall mal abgesehen (es gibt gute Tipps im Internet) - wie und aus welcher Perspektive willst Du gesehen werden? Was soll hinter Dir sein und passt das "ins Bild"?

  • Überlege, wie Du äußerlich wirken willst. Ein Bart sollte gepflegt aussehen (auch aus der Nähe!), die Frisur angemessen sein, die Kleidung Deine Professionalität unterstreichen.

  • Wähle die Worte genau - wie willst Du Wortbeiträge und Fragen wertschätzen, wie stellst Du sicher, dass Deine Worte wenig Raum für Missverständnisse geben? Wie startest Du und wie endest Du den "Call"?

  • Denke an Regeln, die Dir wichtig sind in so einem Format und kommuniziere sie angemessen und möglichst sachlich, gleich zu Beginn. Wie soll z.B. mit Fragen umgegangen werden? Weiß jeder, was passiert, wenn das eigene Mikro an ist und Geräusche ausgelöst werden? Sind alle mit so einem Format betraut und kennen die Features?

  • Denke dran - Du bist zu jeder Zeit auf dem "Präsentierteller", Deine Worte haben viel mehr Gewicht, weil niemand durch Aktivitäten einer Gruppe im Raum abgelenkt ist.

  • Lass jegliche begleitenden Kommentare sein. Damit ist auch Gelächter gemeint. Wenn Du Dich für witzig hälst und das unbedingt auch jetzt sein willst (Humor ist ja gut zum Lernen :-)) - muss dessen Einsatz in diesem Format noch genauer überlegt werden. Im Zweifel: Weniger witzig sein und mehr Professionalität transportieren.

Man benötigt sicher keinen extra Kurs, um mediale Lehre kommunikativ intelligent und Rollengerecht zu gestalten. Doch die eigene verbale und nonverbale Kommunikation sollte auch hier vorbereitet und reflektiert werden.


Du willst an Deiner kommunikativen Wirkung arbeiten? Schau in die Literaturtipps meiner Website :-)

Viel Spaß und Erfolg bei der medialen Lehre!


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