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DozentSein: Neu in der Lehre? Meine Tipps Teil I - Grundsätzliches für Vorbereitung und Veranstaltung

DozentSein: Neu in der Lehre? Teil I - Grundsätzliches für Vorbereitung & Veranstaltung.

In diesem Teil lernst Du häufige "Fehlmeinungen" kennen und bekommst Tipps zum Thema Lehre. Auch der wichtige Begriff "didaktische Reduktion" wird angesprochen.


Ich weiß noch, wie ich mit dem Unterrichten anfing. Es war unglaublich aufwändig, weil ich...

  1. Dachte, ich muss alle Inhalte perfekt aufbereiten und möglichst viel Kompetenz mit meinen Materialien zeigen.

  2. Unglaublich viel Text zusammentragen aus allen Quellen, die ich mir vorstellen konnte.

  3. Ganz viele Folien (ursprünglich noch für den Overheadprojektor :-D) erstellte, zusätzlich zu ausführlichsten Skripten.

  4. Davon ausging, dass ich den Lernenden alle Fakten mitteilen und zeigen muss und deswegen versuchte, mir ohne Ende Inhalte zu merken, damit ich bloß jede Frage beantworten kann.


Um in die damalig anstehende Lehre rein zu kommen, durfte ich vor meinem ersten größeren Unterrichtsauftrag bei einem damaligen Kollegen im Unterricht mitgehen. In einem für meinen Bereich extrem wichtigen Fach war er als akademisierter Physiotherapeut tätig und ich war sehr gespannt. Doch ehrlich gesagt fand ich den Unterricht schlimm. Warum?

Weil er nach einem langen Frontalunterricht mit komplexem Tafelbild an bisherige Inhalte in seinem Unterricht anknüpfen wollte und dazu Dinge zur Thematik abfragte. Als das nicht so lief, wie er sich das vorstellte, zeigte er den Schülern seinen Unmut darüber, dass sie seinem Anspruch nicht genügten.

Bevor er sich von mir Feedback geben lassen wollte, beeilte er sich zu sagen, dass das ja mit den Schülern eben nicht so gut gelaufen war und ich solle mich bitte nicht wundern.

Er bedauerte wohl, dass ich diese "Schwächen" der Lernenden und seinen Unmut so mitbekam.

Ich fragte ihn, was er denkt, woran es denn liegt, dass die Schüler nicht so viel umsetzen konnten. Seine Antwort war: "Ganz ehrlich? Es liegt nur an den Schülern. Sie sind einfach zu schlecht."

So eine Aussage erstaunte und erschreckte mich: Wie konnte jemand so pauschal urteilen? Ich hatte nämlich das Gefühl, dass er einfach zu viel Fachkompetenz von den Schülern sehen wollte, aber außer seinen Vorträgen und eigenem Vormachen nichts zu bieten hatte. Und das in einem komplexen, handlungsorientierten Fach...

Trotzdem er ein sehr erfolgreicher, selbstständig arbeitender Therapeut mit eigener Praxis war und sogar Weiterbildungen gab, schien er von der Lehre gefrustet zu sein - zumindest von den Lernenden. Schade! Aber das zeigt, dass Fachkompetenz alleine nicht zu reichen scheint, um in der Lehre happy zu werden. Und das wissen pädagogisch-didaktisch geschulte Kollegen auch. Denn zur Lehre gehört Verständnis und Interesse für Pädagogik, Psychologie und Soziologie.


Damals wie heute beobachte ich an neu lehrenden Kollegen immer wieder folgendes:

  • Fehlendes Wissen zu Pädagogik, Psychologie oder Didaktik: Hauptsache genug Fachwissen präsentieren können.

  • Mangelndes Verständnis darüber, dass jedes Gehirn subjektiv wahrnimmt und lernt.

  • Überzeugt davon, mit viel "Skriptumfang" und hunderten von Folien die Schüler zum Lernen bewegen zu können.

  • Gefrustet, dass nicht alle Ferien Urlaub sind, dass die Vorbereitung unglaublich viel Zeit braucht, dass eine lehrende Arbeitszeit weit über die reinen Unterrichtsstunden hinausgeht.

  • Viel Frontalunterricht haltend, vielleicht noch eine Gruppenarbeit "verteilen" und somit das eigene Wissen aus Büchern, Weiterbildungsunterlagen und persönlicher Erfahrung einfach weitergeben oder in Gruppen ergänzend bearbeiten lassen.

  • Sich bei zu spät kommenden, müden, Handy nutzenden, und natürlich z.T. unmotivierten Lernenden fragen, was man falsch macht und wieso Lernende so im eigenen Unterricht sind. Am besten auch noch Konsequenzen androhen...

  • Bewertungen "nach Gefühl" gebend - generalisierend, statt transparent und differenzierend.

  • Unterricht nur als wertvoll anerkennend, wenn man als Lehrende/r immer dabei ist und "die Kontrolle" hat.

Glaube mir - das alles geht besser :-)


Damit DU weniger Frust und mehr Genugtuung beim Lehren erleben kannst - hier meine grundlegenden Tipps:


  1. Beachte, dass Du lediglich ein Angebot zum Lernen unterbreiten kannst, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es jedem Gehirn in jeder Lebensphase und mit persönlichen Bedürfnissen und (täglichen) Herausforderungen gerecht zu werden - das ist unrealistisch.

  2. Plane Deinen Unterricht hinsichtlich Zielen, Medien, Arten des Arbeitens der Lernenden (Sozialformen) und Methoden (in der Lehre), wie (selbst) gelernt werden kann. Sei flexibel in der Zeitplanung - es gibt unzählige "Störfaktoren".

  3. Denk dran: Wissen & Erlernen kann nur von Personen selbst erreicht werden - also aktiviere die Lernenden, eigenes Wissen zu verknüpfen und selbst Wissen zu generieren.

  4. Bereite so Deine Lehre auch vor: Wenn überhaupt Skripte, dann mit kurzen Sätzen, vielleicht auch mit (inter)aktiv zu füllenden Texten, übersichtlich und mit nachvollziehbarer Struktur. Biete im Skript Fragen und Aufträge zum Inhalt an.

  5. Stelle "Deine" Regeln zu Beginn Deiner Veranstaltungen vor: Was kann man lernen? Was erwartest Du aber auch und warum?

  6. Nutzt Du gerne Präsentationsfolien, dann sei in der Vorbereitung zurückhaltend mit Animationen und vielen Farben/Texten. Mach alle paar Folien eine Pause in Deinem Vortrag, damit Lernende sich das Gesehene und Gehörte nochmal bewusst klar machen können: Beispielsweise mit Zweiergesprächen oder reflektierenden Fragen. Lass sie auch ruhig mal erst selbst lesen und "Toppics" des Textes oder einer Abbildung herausfinden. Stelle auch mal Fragen zu dem Lerngegenstand oder Deinen Inhalten auf den Folien. Achte darauf, dass in einem Unterricht von 20, 40 oder 80 Einheiten nur eine begrenzte Anzahl von Folien und Skriptseiten möglich und notwendig sind.

  7. Suche eher Quellen für die Schüler heraus oder erstelle Rechercheaufgaben, damit sie die Unterrichtszeit für aktives Lernen (in Einzelarbeit, ggf. auch in Kleingruppen) nutzen können. Begleite sie dann mit strukturierenden Fragen und Zusammenfassungen, animiere sie, sich auszutauschen über die eigene Recherche. Sensibilisiere sie für die Qualität der Medien, die sie sichten/finden sollen. Zeige ihnen schlußendlich die Prinzipien eines Prozesses oder eines Tatbestandes auf.

  8. Das Gehirn liebt Bilder und Geschichten. Nutze das für Deine Lehre!

  9. Beschäftige Dich mit dem Thema "didaktische Reduktion". Du wirst es nicht schaffen, alle Inhalte in vorgegebene Stunden zu fassen, zumal Du immer mit Unaufmerksamkeit, Unmotiviertheit, Abwesenheit und vielen Fragen rechnen musst....dazu jetzt mehr:


Die Didaktische Reduktion (Reduzierung von komplexen Inhalten auf wesentliche Aspekte): Dazu gibt es in der Vorbereitung von Unterrichten folgendes zu beachten:

  • Du musst in der Lage sein, Inhalte zu kürzen, ohne die Hauptaussagen und wesentlichen Fakten aussen vor zu lassen. Rechne damit, dass eh nur ein kleiner Teil behalten wird, denn ein Kurzzeitgedächtnis ist einfach sehr begrenzt ;-)

  • Menge und Präsentation der Inhalte müssen reduziert aufbereitet werden. Frage Dich: Was sind die Kernaussagen der Thematik? Auf was darf gar nicht verzichtet werden? Wie kann ich es anders oder zusammengefasst darstellen? Was sind die Prinzipien dahinter?

  • Du musst also vereinfachen und sinnvoll kürzen können.

  • Rechne mit Schwierigkeiten Dinge zu verstehen. Habe also Metaphern, Synonyme und zusammenfassende Prinzipien parat.


Bevor Du mit Unterricht startest, mache Dich mit den Medien und Tools vertraut, die genutzt werden. Lehren heißt: Viel Vor- und Nacharbeit um den Unterricht herum.


Du brauchst verlässliche Hardware, Kenntnisse bei der Software und musst ein Medienverständnis für interaktive Tafeln/Boards oder Tools haben. Sonst verlierst Du viel Zeit, bis Du überhaupt den Unterricht beginnen kannst (der "Netto" übrigens bei 90 Minuten eh nur 70-80 Minuten ergibt, wenn Du professionell und nachhaltig lehrst).

Denke vor Beginn Deiner Lehrtätigkeit daran: Eine Unterrichtseinheit von 90 Minuten braucht sicher genauso viel Zeit an Vor- & Nachbereitung - anfangs. Später nochmal gut die Hälfte der Zeit, um die Themen an die Lernenden, die Gruppe, den Tag und die Uhrzeit anzupassen. Nur selten zeigt sich gute Lehre in dem Erfüllen reiner Unterrichtszeit mit Schülern.

Dieses gelingt nur, wenn man Pädagogik und Didaktik verstanden hat. Dann nämlich brauchst Du bei Deinem erstellten Material nur eine kurze Vorbereitung, bzw. kannst auch einfach mal so in den Unterricht gehen: Du lehrst situativ. Das macht übrigens auch am meisten Spaß und kostet am wenigsten Energie :-)


Noch einige wichtige Hinweise zu guter Letzt:

  • Kaufe Dir oder sichte gute Literatur (Tipps findest Du auf meiner Website)

  • Arbeite an Deinem Selbstwertgefühl - das brauchst Du in der Lehre :-)

  • Fehler machen und Unwissenheit sind kein Problem - aber übe in Deiner Lehrendenrolle, diese kreativ zu lösen - ohne, dass Lernende glauben, Du bist inkompetent.

  • Mache Dir Gedanken, wie Du Deine Rolle in der Lehre siehst: Welche Bedürfnisse erfüllst Du Dir damit? Geht es Dir um Macht und Autorität, Bewertung und Belehren? Dann lass es bitte sein. Erfülle diese Bedürfnisse nicht über andere Menschen!

  • Lehrende sind der stärkste Wirkfaktor beim Lernen. Sei Dir dessen bewusst.


Wenn Du Fragen hast oder Unterstützung benötigst, melden Dich unter hg-coaching@heikehoosleistner.de



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