• Heike HL

DozentSein: "Das ist hier aber alles anders als im Unterricht" - Herausforderung Lernende

Aktualisiert: Feb 8


DozentSein: "Das ist hier aber alles anders als im Unterricht" - Herausforderung Lernende und klinische Ausbildung.

Alleine an einer Berufsfachschule gibt es mindestens 1 Kurs pro Jahr mit etwa 22-29 Lernenden. Diese beginnen nach dem ersten Schuljahr mit dem klinischen Unterricht. Das bedeutet, dass sie das tägliche Leben als Physiotherapeut in Praxis, Rehazentrum oder Kliniken kennenlernen. Diese Einsätze finden meist mehrere Wochen am Stück statt. Und sie umfassen verschiedene medizinische Fachbereiche. Das ganze Jahr über sind so unterschiedlichste Lernende von uns Lehrenden zu betreuen. Und von Praxisanleitern: Den Physiotherapie-Kollegen vor Ort.

Ich betreute als "Praxisanleiterin" bereits viele Praktikanten, eh ich in die Lehre ging. Als Lehrphysiotherapeutin habe ich regelmäßig mit Lernenden und Betreuenden im praktischen Einsatz zu tun. Meine Erfahrung möchte ich als Anregungen für eine optimale Gestaltung der klinischen Ausbildung hier teilen. Mit fiktiven Lernenden, die jedoch für wirkliche Geschichten stehen.

Dieser "BLOG-Dreiteiler" zeigt, warum Lernende und klinische Ausbildung zu suboptimalem Outcome in der Physiotherapie führen können. Und wie Herausforderungen von Dozenten und Betreuenden in ihrer Rolle als Lehrende reflexiv genutzt werden können...

In Teil (I) meiner Geschichten mit Lernenden in der klinischen Ausbildung stelle ich Loretta vor. Der Name wurde von mir zufällig gewählt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Ich betrete das naheliegende Krankenhaus zur Praktikumsbetreuung des Kurses im zweiten Schuljahr. Kaum auf Station angekommen, begegnet mir schon die PT-Schülerin Loretta. Ihre Mimik verrät, dass Sie äußerst angespannt ist – denn heute wird es ernst: Vorbehandlung eines Patienten in meinem Beisein.

Auf Nachfragen gibt sie an, dass ihr Patient, den sie vorbehandeln wollte, heute entlassen wurde. Sie hat sich schnell Ersatz gesucht, aber sie scheint nicht recht zufrieden zu sein. In der Tat kann sie mir weder sagen, seit wann ihre Ersatz-Patientin hier auf Station ist, noch was das Hauptproblem der Patientin ist. Immerhin kann sie mir sagen, dass die Patienten eine Knie-Operation hatte - vor drei Tagen.

Ich frage Loretta, was ihr heutiges Behandlungsziel ist. "Übungen im Bett und Gangschule" ist ihre Antwort. `Soviel zu der unterrichteten Formulierung von spezifischen, klaren Zielsetzungen` denke ich mir.

„Das wird hier immer so gemacht“, ergänzt sie noch. Den Gehwagen hat sie schon dabei. Als wir das Zimmer betreten, sitzt die Patientin Frau M. an der Bettkante. „Hallo! Sie sitzen ja schon – aber wir fangen im Liegen an!“ spricht Loretta die Dame vorwurfsvoll an. Ich unterdrücke das Hochziehen meiner linken Augenbraue. Das wertfreie Zugehen auf Lernende mache ich mir jetzt nochmal ganz bewusst und bereite meinen Notizblock zur Mitschrift vor.

Frau M. legt sich hin und schaut Loretta gespannt an. „Wie geht´s denn heute so? Ist der Schmerz schon besser?“ `Was soll Frau M. auf diese Suggestivfrage antworten?` denke ich noch. Doch für eine Antwort ist Loretta zu schnell und greift zum operierten Bein. Die Hose bleibt an und sowohl Bett als auch Patientin sind weit entfernt von ökonomischen Behandlungsprinzipien.

Ich atme tief und möglichst unmerklich ein. Auch wenn der Unterricht schon einige Monate her ist, bin ich mir sicher, betont zu haben, wie wichtig die Kontextfaktoren bei einer Behandlung sind:

  • Der zu behandelnde Körperabschnitt muss frei für Inspektion und therapeutische Kontrolle sein.

  • Die Betthöhe sollte angepasst und die Patientin nahe am Therapeuten platziert werden.

  • Die Patientin muss informiert werden über das, was sie erwartet.

  • Es muss alles gut vorbereiten sein, um für Sicherheit und Kontrolle am Patienten zu sorgen.

Nun gut. `Vermutlich die Unsicherheit`, denke ich mir. `Loretta ist wohl zu sehr mit ihrem Behandlungsplan beschäftigt`. Doch einen Plan erkenne ich auch nach der Hälfte der Behandlungszeit nicht. Loretta bewegt das belastungsstabile Bein einige Male passiv, dann zögert sie, eh sie Frau M. bittet, jetzt im Wechsel mit den Beinen Fahrrad in der Luft zu fahren. Nach fünf Wiederholungen erklärt Loretta Frau M.: „Jetzt noch ein bisschen anders herum“. Dabei wippt sie mit ihrem Fuß...Dann erhält eine PNF-Diagonale als aktive Variante und ohne Faszilitation Einzug in die Behandlung. Lorettas Arme sind inzwischen verschränkt und sie schaut seufzend auf die Uhr an ihrem Handgelenk...

Die Patientin klagt nach etwa 30 Wiederholungen ohne Pause über ein Krampfgefühl im Oberschenkel des operierten Beines.

Loretta beeilt sich zu sagen, dass Frau M. wohl nicht so trainiert wäre, "aber wenn sie das als Hausaufgabe machen, wird es sicher bald besser!" sagt sie lehrmeisterhaft. `Trainingslehre müsste doch schon abgeschlossen sein?` frage ich mich.

Nachdem ich bereits die zweite Seite meines Beurteilungsbogens beschrieben habe, wird Frau M. aufgefordert nun aufzustehen. „Dann gehen wir noch ein bisschen“ sagt Loretta, ohne die Patientin anzusehen. Die Patientin schafft es mit Mühe, zum Sitz an die Bettkante zu kommen. Allerdings verdächtig nah am Rand. Die nackten Füße der Patientin finden nur schwer Bodenkontakt. Sogleich hilft Loretta Frau M. in den Stand zu kommen. Immerhin steht der Gehwagen bereit - nur leider ohne festgestellte Räder.

Während die Patientin mit am Griff des Gehwagens festgekrallten Fingern steht und über leichten Schwindel klagt, sucht Loretta in Ruhe unter dem Bett nach Schuhen. Inzwischen habe ich mich neben die Patientin positioniert, damit wenigstens etwas Sicherheit für sie herrscht. Als Loretta die Badelatschen herausgefischt hat, bittet sie Frau M. sich nochmal hinzusetzen und in die Schuhe zu schlüpfen. `Mit dieser Behandlungsstruktur kann man natürlich auch mobilisieren` kommt mir in den Sinn.

Dann geht es los mit einer „Gangschule“, die aus Gehen mit steifem Knie im Nachstellschritt und nach vorne gebeugtem Oberkörper besteht. Und leider ohne Korrekturen seitens Loretta.

Nach wenigen Metern wird umgedreht und der Rückweg zum Bett bewältigt. Völlig erschöpft und leicht vegetativ (Frau M. hat einiges an Nebendiagnosen an Lunge und Herz) legt sich Frau M. wieder hin. Ein tiefer Seufzer entgleitet ihr. Doch sie wirkt nicht unzufrieden. Loretta verabschiedet sich mit den Worten: „Ja, das ging doch schon ganz gut so. Ich komme dann morgen wieder“. Als wir gehen, versucht Frau M., ihre Decke unter den Beinen selbst heraus zu ziehen um sich zuzudecken. Sie schaut sich suchend nach ihrer Lagerungsschiene um. Doch diese steht unerreichbar am Ende des Zimmers...Der Tisch mit dem Wasserbecher (Frau M. soll viel trinken) befindet sich ebenfalls noch weit weg vom Bett an der Wand, als Loretta mit einem leisen "Ja dann bis zum nächsten Mal" zur Tür eilt.

Das Nachgespräch beginne ich mit dem Auftrag, sie solle erzählen, was sie beim nächsten Mal optimieren wolle. Doch das Einzige, was Loretta optimieren möchte, ist die Länge der Gehstrecke mit der Patientin...

Zwei Aussagen höre ich von ihr immer wieder:

  1. Das haben wir so ja gar nicht alles gelernt

  2. Das wird hier aber immer so gemacht

Die Geschichte von Loretta lässt erkennen, dass wir es während der Begleitung im klinischen Unterricht mit vielen Überzeugungen und Rollenauslegungen in Bezug auf Physiotherapie und praktischer Ausbildung zu tun haben. Das ist eine Herausforderung. Denn:

Oft befinden sich Praxisanleiter und betreuende Lehrende an der Schnittstelle zwischen Anforderungen des Bildungsträgers, unterschiedlichen Arbeitsprozessen und Interessen von betreuenden Einrichtungen. Zudem kommt es zu divergenten Erfahrungen und Erwartungen von Lernenden und Kollegen. Unterrichtsgegenstände sind nicht immer in der Praxis wiederzufinden, einiges wird vergessen oder nicht umgesetzt.

Jeder Betreuer im klinischen Unterricht von Lernenden in der Physiotherapie kennt folgende Typen von Lernenden:

  • Unmotivierte

  • Übermotivierte

  • Diskutierende

  • Vermeider

  • Unsichere

  • und Besserwisser.

Jeder dieser Typen braucht ein angepasstes Management - und die Frage, was stört mich als Betreuer eigentlich daran genau?

Zu welchem Typ gehört wohl Loretta Deiner Meinung nach? Was braucht sie von Dir als Anleiter oder Dozent? Welche Strategien können wir nutzen, um sie erkennen zu lassen: Jeder Patient braucht von dem ihm zugeteilten Physiotherapeuten folgende Dinge:

  • Professionelles kommunikatives Geschick - vor allem bezüglich der Anleitungskompetenz am Patienten.

  • Umsichtigkeit und Vorbereitung - hinsichtlich vorhandener Materialien, hinsichtlich dem, was Patienten für die Behandlung und für ihr Gefühl der Sicherheit benötigen.

  • Planungskompetenz und situative Anpassung der Struktur einer Behandlung - das flexible Einsetzen physiotherapeutischer Behandlungsbausteine.

  • Reflexionsfähigkeit - in Bezug auf das eigene Wissen und Nicht-Wissen. Sowie in Bezug auf die Erwartungen von Einrichtung, Bildungsträger und Patient.

Zur Klärung verschiedener Ansprüche und Erwartungen sind reflexive Fragen hilfreich. Sie helfen Lehrenden und Betreuenden, situativ, kontextbezogen und individuell zu betreuen:

  • Welche wichtigen Aspekte von Physiotherapie-Behandlung sind im Kontext des Krankenhauses gefragt?

  • Welche guten Gründe existieren aus Sicht von Loretta für ihr Handeln in dieser beruflichen Situation?

  • Wie lässt sich das gemeinsam mit Ansprüchen der an einer theoretischen Ausbildung Beteiligter widerspruchslos verwirklichen?

  • Wie kann ich bei Loretta Abschauen der Handlungen anderer mit kreativer eigener Individualität fördern?

Loretta lernt schnell, was es von ihr braucht um zielführend und umsichtig zu behandeln: Wenn wir ihr helfen zu erkennen, was aus der Sicht professioneller Physiotherapie suboptimal war. Wenn wir in der Lage sind, ihr dann konstruktive Anregungen zu geben. Zu dem, was sie selbst als suboptimal erkannt hat. Wenn wir ihr Sicherheit geben: Dass Anforderungen von Patienten, Kollegen und Bildungsträger nicht im Widerspruch stehen. Sondern ergänzend zu betrachten sind.

Im nächsten Teil werdet Ihr Derrik kennenlernen. Er gehört zu der Sorte Lernende, die zu schwierigen Situationen führen können....

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